10.1.11

In Venedig

 

Mit einem Seufzer der Erleichterung streifte Marina ihre hochhackigen Sandalen von den heißen, angeschwollenen Füßen. Nie hätte sie geglaubt, dass man sich in Venedig lahm laufen kann. Sie setzte sich auf den wurmstichigen Rand des alten Fischerkahns und streckte vorsichtig eine Hand in die gluckernden Wellen des Kanals.
Ein vorbeituckernder Vaporetto brachte das Boot zum Schwanken. Als er hupend zur Haltestelle hinüber kreuzte, erhob sich kreischend ein Schwarm Möwen vom Geländer des Pontons. Schubsend und lachend verließ eine Gruppe rucksackbeladener Jugendlicher das Deck des Linienschiffs.
Sergio hatte inzwischen die Leinen gelöst und steuerte den Kahn auf die gegenüberliegende Seite. Auf dem schmalen Kai vor dem Markt beluden die Händler ihre Boote mit großen Holzkisten. Der Geruch, den der leichte Wind aus der grauen Säulenhalle des Fischmarkts zu ihr hinüber trug, frisch und würzig, nicht fischig wie auf deutschen Hafenmärkten. Das große schmiedeeiserne Tor wurde soeben geschlossen, und zwei grauhaarige Männer in blauen Schürzen fegten die Abfälle zusammen.
Ein Händler nach dem anderen verschwand in der Bar daneben, deren Tische sich bis ans Ufer ausgebreiteten. Die großkarierten Tischdecken waren mit vielen Klemmen befestigt, aber ihre Fransen flatterten in der Brise. Während die Jugendlichen vom Vaporetto sich dort niederließen, stand eine ältere Frau, in ein höchst unpassendes graues Tweed-Kostüm gekleidet, vor ihnen und zählte sie mit erhobenem Finger durch.
Auf der anderen Seite des Kanals reichten die Palazzi bis zum Wasser. Die meisten der hölzernen Tore waren an den Unterkanten zerfressen und angefault; vielen fehlten größere Stücke. Überschwemmungen hatten deutlich sichtbare Wasserlinien hinterlassen: unterhalb der Putz vergraut und großflächig von den Fassaden gesprungen. Darüber ließ sich der alte Prunk fröhlicher Farben erahnen.
Prachtvolle Stuckornamente umrahmten die Bogenfenster in den oberen Stockwerken; an einigen Gebäuden hatte man sie aufwändig restauriert, an anderen zerbröselten und verwitterten sie langsam. Die Landungsstege vor den Gebäuden sahen zumeist morsch und wackelig aus; an zweien oder dreien ankerten lecke Boote, halb im Wasser versunken.
Dann glitt der Kahn unter einer niedrigen Brücke hindurch in einen engen Seitenkanal, der als Einbahnstraße ausgeschildert war, kaum breiter als das Boot. Hier standen die Häuser allesamt auf einem fondamento, das einen Meter aus dem Wasser ragte. Die Fassaden waren schmucklos, aber frisch verputzt. Das Venezianische Ockerrot beherrschte die Szene.
Quer über den Kanal spannten sich Wäscheleinen. Neugierig betrachtete Marina die Konstruktion, denn sie hatte sich immer gefragt, wie die Frauen ihre Wäsche aufhängen konnten.
Die Fensterscheiben der obersten Stockwerke reflektierten das Licht, darunter lag alles in tiefem Schatten bis zu einer Stelle, wo sich der fondamento vor der Einmündung in den nächsten Kanal zu einem kleinen gepflasterten Platz öffnete. Ein halbes Dutzend Katzen räkelte sich dort faul in der Sonne.
Marina tat es ihnen gleich und machte es sich auf dem Boden des Kahns so bequem wie möglich. Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss die Frühlingswärme auf ihrem Gesicht.
Der nächste Kanal war wieder breiter, aber manche Brücken so niedrig, dass Sergio nicht mehr im Stehen steuern konnte. Überrascht sah Marina, dass hier vor manchen Häusern die Wipfel schlanker, hoher Bäume über die Mauern ragten. Große schmiedeeiserne Tore erlaubten den Blick auf Grasflächen und bunte Blumenrabatten.
In einladender Pracht öffnete sich dann der Canale grande vor ihnen: hohe Palazzi mit endlosen Fensterreihen, in hellen Farben restauriert, mit Fahnenstangen über den schweren Eingangstüren. Ihre Landungsstege ragten weit in den Kanal und trugen auf weiß-blauen Säulen elektrische Lampen in kunstvollen Designs. Wo über den Eingängen Hotelnamen prangten, dümpelten weiße Motorboote.
 Das Wasser der Lagune glitzerte verlockend in der hochstehenden Sonne, als Sergio schließlich an der Giudecca vorbei aufs offene Wasser lenkte. Marina streifte ihr Jäckchen ab und kehrte auf den Platz am Bootsrand zurück. Sie setzte sich seitwärts, streckte einen ihrer nackten Füße aus - und schrak zurück: Eine breite dunkelrote Spur schlängelte sich ihr entgegen. „Was ist das?“
„Abwässer“, entgegnete Sergio lakonisch.
Marina hob den Blick: Vor ihr ragten die rot-weiß geringelten Schornsteine und die Raffinerieanlagen von Porto Marghera in den blauen Himmel.
(c) Annemarie Nikolaus

15.12.06

Ein Buch aus dem Mitschreibprojekt von "Schreibwerk" :-))


"Das Feuerpferd" - Fantasy-Roman von Sabine Abel, Monique Lhoir, Annemarie Nikolaus
ISBN 3-935982-50-X. Er erschien im November 2005 im Web-Site-Verlag


Im Mittelpunkt steht ein weißes Fohlen, das die Macht des Feuers besitit. Die Macht des Feuers, das die Zauberfürstin des Schattenreichs zurückholen muss, um die Insel Seoria vor dem Untergang zu bewahren.


***
Ein zweites Fantasy-Romanprojekt hat als Kurzfassung Eingang in eine Anthologie gefunden:

"Die Piratin" - In:"Renntag in Kruschar" - Geschichten von der Dracheninsel. Anthologie.
ISBN 3-935982-61-5.  November 2005 im Web-Site-Verlag


Die Piratin bringt im Auftrag eines Adligen eine Pferdeherde nach Kruschar, wo sie in einem Rennen gegen die einheimischen Drachen antreten sollen.

11.6.03

Ein neues Mitmach-Projekt:
Der Fantasy-Roman unter http://schreibwerkstory.blogspot.com

31.8.01

Die Flügel der Begeisterung tragen über alle Abründe hinweg;
auch wenn Stürme in tiefe Schluchten hinabzerren,
oder wenn die Sonne mir die Flügel versengt.
Anders als Ikarus habe ich Geduld genug
verlorene Federn wieder einzusammeln -
und es dann noch einmal zu versuchen.

Neun Leben lang bleibt Zeit, Verlorenes wiederzufinden.
Die Schwingen der Zeit tragen mich hinauf zu meinem Stern.

27.7.01

Der Wind weht vom See
Der Nußbaum beugt sich dem Sog
Blätter fallen leis

26.7.01

Die Hochzeit
Im höher gelegenen Teil des Ortes, mitten auf dem Platz vor der Grundschule, steht die alte Dorfkirche. Von außen wirkt sie klein und unscheinbar; die Mauern sind aus dem beigen Stein, der seit Jahrhunderten das hauptsächliche Baumaterial der Gegend ist. Die einzige äußere Zier ist ein zur Hälfte restaurierter Fresko neben dem Hauptportal. In ihrem Innern jedoch ist sie von dem farbenprächtigen Prunk erfüllt, den die Fürstbischöfe des Rinascimento entfalteten, um damit die Größe ihres Glaubens zu dokumentieren. Das Vermögen, der einst zur Gestaltung dieser Kirche aufgewandt werden konnte, spiegelte getreulich den landwirtschaftlichen Reichtum dieses Tals.
Oberhalb der Kirche befindet sich das Dorferweiterungsgebiet. Dort, in einem großzügigen Neubau mit Garten, ist Veronica Moser aufgewachsen. Sie ist ein graziöses, immer gut gelauntes Mädchen, deren blonde Haare und blaue Augen an die Südtiroler Vorfahren erinnern. Vor einigen Wochen ist sie 19 geworden und heute findet der dritte Akt ihrer Hochzeit mit dem fast dreißig Jahre älteren Guido Pulcini statt: die kirchliche Trauung - romantischer Ausklang nach dröger Bürokratie und pompösem Festgelage.
Veronica hat das Hochzeitsgewand ihrer Großmutter angelegt, ein Kleid aus schwerer Seide, wie man sie heute nirgendwo mehr findet. Veronica kann sich noch gut daran erinnern, daß die Großmutter ihr erzählte, wie diese selber noch Seidenraupen hegte, und wie eklig sie diese Schilderungen fand. Unglaublich, welche wunderbare Stoffe daraus entstanden waren. Mit der Einführung der Kunstseide war der Markt zusammengebrochen: Heute gibt es nur noch vereinzelt Maulbeerbäume; das Tal lebt jetzt von Wein und Äpfeln.
Während Veronica noch an ihre Großmutter denkt, hält Guido mit seinem knallroten Fiat 500 vor der Kirche. Auch ein Relikt, dieses Auto. Jedesmal, wenn Veronica ihn aussteigen sieht, wundert sie sich darüber, daß er überhaupt hineingepaßt hat. ,Wenn er mich nur halb so gut behandelt wie sein Autochen,? denkt sie manchmal, ,brauche ich mich über nichts mehr im Leben zu beklagen.? Guido hat natürlich nicht nur diesen Oldtimer, sondern auch ein richtiges Auto. Aber den BMW benutzt er nur für Geschäftsfahrten; er sagt ihr immer, den brauche er zum Repräsentieren, aber ein ernstzunehmendes Auto sei der eigentlich nicht; selbst zum Parken sei der Fiat tausendmal besser. Und mit dem BMW müsse er wegen jeder Kleinigkeit erst umständlich in die Stadt, während der Mechaniker hier im Ort den Fiat vollständig im Griff habe.
Während Guido Veronica die Autotür öffnet, schaut er sie bewundernd an. ,Veronica ist soviel hübscher als meine erste Frau?, denkt er. ,In dem Kleid ihrer Großmutter sieht sie aus wie einem alten Gemälde entsprungen.? Manchmal, wenn er sieht, mit welchen Augen sein Ältester Veronica betrachtet , spürt er leise Eifersucht. Er würde alles für sie tun; darum hat er auch in diese kirchliche Trauung eingewilligt und ihr lediglich behutsam ausgeredet, sie dorföffentlich zu machen.
Pfarrer Carlo Perini wartet schon vor der Kirchentür auf sie. Es sind nur noch fünf Minuten bis zum angesetzten Termin, und er fragt sich, wo denn die Hochzeitsgesellschaft bleibt. Normalerweise kommt das ganze Dorf zu Hochzeiten und Beerdigungen. Als er die Braut sieht, wundert er sich ein wenig, daß sie so jung ist. Als Signor Pulcini bei ihm war, um den Hochzeitstermin zu vereinbaren, war Perini gerade im Begriff, zu einem Sterbenden zu gehen. Darum hatte er sich lediglich die Namen der Brautleute und den vereinbarten Termin notiert, und sich nicht weiter damit befaßt. Nach fast zwanzig Jahre als Missionar in Afrika war er erst vor wenigen Monaten nach Italien zurückgekehrt. Es war ihm alles sehr fremd geworden, und darum war er seinen Oberen sehr dankbar, daß sie ihm vor drei Wochen die Pfarrei in seiner Heimatgemeinde gegeben hatten. Auch hier kam er sich noch ziemlich fremd vor, er kannte kaum eines der Gesichter seiner Jugend wieder. Und seine jüngste Schwester, Cristina, mittlerweile Direktorin der Grundschule, war immer ziemlich schreibfaul gewesen, so daß er selbst mit dem Dorfklatsch nicht auf dem Laufenden war. Aber alle waren herzlich um ihn bemüht, und das tat ihm wohl. - Jedenfalls fand er es ungewöhnlich, daß hier im Dorf zwei Leute heirateten, die so offensichtlich altersmäßig weit voneinander entfernt waren. ,Den Bräutigam sollte ich eigentlich kennen,? dachte er, ,er war bestimmt ein Spielgefährte meiner kleinen Schwester, und gerade in ihrem Jahrgang gab es wenige Jungs. Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern. Aber die Braut ist bestimmt erst geboren worden, als ich schon in Afrika war.?
Als das Brautpaar Hand in Hand vor ihm steht, begrüßt er sie herzlich: ?Guten Morgen, meine Lieben. Wie Ihr seht, seid Ihr die ersten. Mit wieviel Gästen rechnet Ihr?? ,In Afrika wäre das nie passiert, daß auch nur irgendjemand von den Gästen erst in letzter Minute zur Hochzeit kommt. Dort nehmen alle Verwandte und Freunde gemeinsam das Brautpaar in Empfang und überlassen das nicht dem Pfarrer, zumal, wenn er, wie ich, das Brautpaar gar nicht kennt.?
Veronica ist verblüfft. ,Ja, hat Guido ihm denn nicht gesagt, daß das hier nicht das eigentliche Hochzeitsfest ist,? fragt sie sich, ,sondern nur der romantische Abschluß?? Energisch sagt sie zum Pfarrer: ?Wir haben uns für eine stille Hochzeit entschieden, und darum niemanden zur Trauung eingeladen.?
,Sind die jungen Mädchen von heute aber genügsam geworden,? denkt dieser und antwortet gelassen: ?Nun, dann können wir ja beginnen, sobald die Trauzeugen da sind.?
Da erlebt er die nächste Überaschung dieser ungewöhnlichen Trauung, doch auch Guido zeigt sich überrascht: ?Trauzeugen!? wundert er sich laut und denkt, ,wir kommen hierher wegen Weihrauch und Orgelmusik und all dem anderen romantischen Zeug. Dazu brauchen wir keine Trauzeugen. Die Bürokratie haben wir gestern beim Bürgermeister abgehakt; dessen Paragraphenlitanei hat mir völlig gereicht. Die Kirche wird dem Staat wahrhaftig immer ähnlicher; demnächst müssen wir wohl auch noch Gebührenmarken kaufen, bevor wir zur Kommunion gehen, oder was?? Aber noch bleibt er gelassen und erklärt dem Pfarrer. ?Wir haben auch keine Trauzeugen eingeladen. Die hatten wir doch bei der Trauung beim Bürgermeister. Reicht das nicht? Sind die wirklich absolut unerläßlich auch bei der kirchlichen Zeremonie? Die Trauung in der Kirche ist doch kein staatlicher Akt.?
,Ich glaub, ich hör nicht recht,? wundert sich der Pfarrer. ,Hat man schon mal soviel Ignoranz erlebt? Oder was soll das? Ist der am Ende gar nicht katholisch? Die müßten doch wissen, daß die Ehe ein Sakament unserer Mutter Kirche ist und die Trauzeugen die Aufgabe haben, zu ihrem gottgefälligen Gelingen beizutragen. Das ist viel wichtiger als der juristische Akt in der Gemeinde.? Und darum: ?Mein Sohn, die Kirche war viele hundert Jahre vor diesem Staat da. Ohne Zeugen kann ich euch nicht trauen!? ? ,Mein Gott, jetzt fängt sie an zu weinen; das arme Kind. Aber ohne Zeugen kann ich die beiden nicht trauen; basta!?
Veronica ist entgeistert. ,Das darf doch nicht wahr sein: Ich habe mir alles so schön ausgemalt, und jetzt kommt der mit sowas! Vielleicht kann ich ihn mit Tränen zum Einlenken bringen.? Und sie fängt an zu weinen und zu flehen: ?Ach bitte, Sie können uns doch nicht wieder nachhause schicken.?
Guido rauft sich verzweifelt die Haare. ,Meine Veronica, meine arme Veronica. Was tut der Mensch ihr an! Ich darf sie nicht enttäuschen ? das würde sie mir nie verzeihen; es muß sich doch eine Lösung finden lassen. Kann er nicht seinen Ministranten nehmen und er selber auch Zeuge spielen, dann hätten wir doch alle beisammen??
In eben diesem dramatischen Augenblick beginnt es, in der Grundschule lebendig zu werden. Die vier hören die lauten Stimmen der Kinder, die fröhlich in die Pause stürmen. Das Schultor öffnet sich und die Kinder stürzen heraus. Langsam folgen ihnen zwei Lehrer und drei Lehrerinnen. Draußen angekommen, werden die Lehrerinnen von den kleineren Kindern umringt und in Beschlag genommen. Die beiden Männer gehen, ins Gespräch vertieft, auf den Platz. Dort, vor der Kirche, sehen sie den Pfarrer, einen Meßdiener und ein Brautpaar. Bevor sie sich über irgendetwas wundern können, steht der Bräutigam atemlos vor ihnen: ?Ach, helfen Sie uns. Wir wollen heiraten, und der Pfarrer besteht auf Trauzeugen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns dafür Ihre Pause zu opfern??
Der beiden Lehrer schauen sich an. Während der Jüngere noch denkt, ,das gibt es doch gar nicht,? spricht der Ältere diesen Gedanken laut aus: ?Sowas ist mir auch noch nicht vorgekommen!? Der Blick, den die beiden miteinander getauscht haben, hat gereicht, sich darüber zu verständigen, daß sie dem Brautpaar zur Seite stehen wollen. Und so fährt der Ältere fort: ?Die Pause wird wohl nicht reichen, aber ich denke, das können wir schon machen.? Und sagt zum Pfarrer: ?Zum Glück ist die Direktorin ja Ihre Schwester. Sie wird sich sicher solange um unsere Schüler kümmern.?
Dem Pfarrer fällt ein Stein vom Herzen. Das arme Mädchen hat ihm wirklich leid getan in ihrer Verzweiflung. Obwohl - andererseits -, wenn er sich das recht überlegt, sie mit einem Mann verheiraten, der sich dermaßen als Trottel darstellt?
Auch Guido hat aufgeatmet bei der Zusage der beiden. Aber als er hört, daß dazu die Direktorin erst noch ein Wort sagen müsse, wird ihm ganz mulmig. Er kennt Cristina gut und hatte sie mehr als einmal als rachsüchtig erlebt. Einst hatte er ihr den Hof gemacht, wie es sich eben gehört für einen jungen Mann, der sich an den Mädchen im Dorf für die Zukunft in der großen Welt erproben will. Aber sie hatte es ernst genommen, und nachdem er sie links liegengelassen hatte, war sie wahrhaft biestig geworden. Dabei war es völlig harmlos gewesen; sie hatte ihn ja nicht einmal an sich rangelassen. Sie hatte nie glauben wollen, daß sie keinen abgekriegt hatte, weil sie so zickig geworden war. Aber es gab niemanden unter den gleichaltrigen Männern im Dorf, bei dem sie nicht schon seit Jahrzehnten unten durch war. Mit ihren Gehässigkeiten hatte sie auch einen gehörigen Beitrag dazu geleistet, daß seine erste Ehe schiefgegangen war: Wenn sie ihn damals nicht bei seiner Frau verpetzt hätte, hätte Agnese ihn nie mit den fünf Kindern sitzengelassen.
Aber der Lehrer ruft schon von Weitem ?einverstanden?, als er gemeinsam mit der Direktorin zu ihnen zurückkommt. Auf den paar Metern bespricht er noch kurz mit ihr, was er in der letzten Stunde mit den Schülern gemacht hat. Cristina will für die Dauer der Trauung die Klassen beider Lehrer unter einen Hut bringen, und begleitet ihn daher, um sich auch mit dem Kollegen abzustimmen.
Dann steht Cristina vor der kleinen Gruppe und wirft auch auf den Bräutigam einen Blick. Für einen Augenblick verschlägt es ihr den Atem. ,Das kann doch nicht wahr sein: Dieser Kerl besitzt tatsächlich die Frechheit und will sich ein zweites Mal kirchlich trauen lassen! Und ich warte immer noch auf das erste Mal. Na warte, du Miststück!?
Sie schaut den Pfarrer mit finsterem Gesicht an: ?Nein, mein lieber Bruder! Carlo, du wirst diesen Mann nicht trauen. Er hat nämlich schon einmal geheiratet, und seine Ehe ist nicht annulliert worden.?

6.7.01


KATZENLEBEN

"Mau, mau, mau - find ich hier eine Frau??" Der schwarze Kater schleicht seit Ende Januar um das Haus herum.
Die gestreifte Katze? Die weiße Katze? Die Tigerin ist noch zu jung; aber die Weiße ist höchst anziehend.

Die Weiße kommt zum Katzen-Frühstück angerast, vom fremden Schwarzen genauso umkreist wie vom alten Hauskater. Die Katze entflieht in den kahlen Maulbeerbaum. Stundenlang bleibt sie dort sitzen, am Ende eines Astes - unerreichbar für den Schwarzen, der stundenlang in der Pergola wartet und sie nicht aus den Augen läßt. Irgendwann saust sie davon, und auch der Schwarze zieht von dannen.
"Diese Katze ist verrückt," sagen die Nachbarinnen. "Sie lebt nur auf den Bäumen." Und die Nonna, die nicht mehr so gut sieht, ergänzt: "Neulich blickte ich aus dem Fenster und sah etwas Weißes im Baum. Und fragte mich, was das denn sein könnte. Erst als es sich bewegte, konnte ich erkennen, daß es die weiße Katze ist."
Der Schwarze sitzt jeden Morgen ein Stück dichter am Haus. Gemächlich nähert auch er sich, wenn zum Futtern gerufen wird und wartet auf das, was die anderen ihm übrig lassen.
Die Weiße ist an manchen Tagen überhaupt nicht zuhause - die Nachbarinnen berichten, wo überall sie im Dorf herumflitzt. Irgendwann im Sommer kommt sie gar nicht mehr wieder.

Der Schwarze schläft tags mit den anderen Katern in der Sonne auf der Pergola und nachts macht er es sich im Holz bequem.
Jeden Morgen kommt er angerast, springt fast in die Futterschüssel und schnappt den anderen die besten Bissen weg.


5.7.01

Der Bach hinterm Haus

Hinter der alten Mühle sammelte sich der Bach zum ersten Mal über steilen Felsen, um sich dann jählings in die Tiefe zu stürzen. Hoch auf sprühte die Gischt, die der Frost in winzige, in der Sonne glitzernde Kristalle verwandelte, die sich alsbald auf den Zweigen niederließen, welche sich über den aufschäumenden Bach neigten.
Sodann gelangte der Bach zu der alten Gerberei, breitete sich tief in ihren zerfallenen Kellergewölben aus, um dann seinen Weg fortzusetzen, vorbei am Feld mit den Apfelbäumen, die, Vogelscheuchen gleich, ihre kahlen Äste in den eisigen Winterhimmel streckten.
Und weiter, immer weiter ging es talwärts. Bald verengte sich der Weg, bald rauschte das Wasser den nächsten Felshang hinunter. Rechter Hand dräute ein steiler, düsterer Hang, dicht mit niedrigem Gesträuch bewachsen. Von seiner Zinne ließ sich ein schmaler Wasserfall hinab, um sich mit unserem Bache zu vereinigen.
Zur Linken war ein schmaler Steg in den Felsen gehauen, der den Bach fortan bis hinunter zu den Fischteichen begleiten sollte. Alsbald sprangen die ersten Forellen fröhlich aus den Fluten, glücklich dem Schicksal ihrer Artgenossen in der Fischzucht entronnen.

© Annemarie Nikolaus